14. Dezember 2019 · 20:02 Uhr
Fähre & Vogelfluglinie

Der letzte Zug auf der Vogelfluglinie

Um 20:02 Uhr rollte der letzte EuroCity in Rødbyhavn an Land – das Ende von 56 Jahren Zugfährverkehr auf der direktesten Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen. Eine nostalgische Dokumentation eines historischen Wendepunkts.

Veröffentlicht: Juni 2024
6 Min. Lesezeit
Geschichte

Es war ein Samstag im Dezember, als eine Ära endete. Der EC 39 aus Hamburg rollte ein letztes Mal auf die Fähre „Prinsesse Benedikte", während am Bahnsteig in Puttgarden Eisenbahnfreunde, langjährige Kollegen und Fotografen zusammenkamen. Nach über fünf Jahrzehnten verabschiedete sich der Zugfährverkehr auf der Vogelfluglinie – mit Tränen, Umarmungen und dem Bewusstsein, dass hier ein Stück europäischer Eisenbahngeschichte zu Ende ging.

Die Chronik einer Verbindung

Die Vogelfluglinie verdankt ihren Namen der Flugroute der Kraniche und anderer arktischer Wasservögel zwischen Mitteleuropa und Skandinavien. Als am 14. Mai 1963 der dänische König Frederik IX. und Bundespräsident Heinrich Lübke gemeinsam die neue Fährverbindung einweihten, erfüllte sich ein Traum, der bereits ein Jahrhundert zuvor entstanden war.

56 Jahre Vogelfluglinie in Zahlen

56 Jahre Zugfährverkehr
190.757 Güterwagen (Höchststand 1994)
315 Mio. Passagiere gesamt
19 km Fährstrecke über den Belt

Über die Vogelfluglinie rollten legendäre Züge: Der Nord-Express (Kopenhagen–Paris), der Italia-Express (Kopenhagen–Rom) und der Trans-Europ-Express Merkur (Kopenhagen–Stuttgart). Von 1974 bis 1978 war der TEE Merkur sogar der einzige Luxuszug weltweit, der eine Fährüberfahrt absolvierte – mit kurioser Minibar-Bürokratie, denn wegen unterschiedlicher Alkoholabgaben mussten deutsche und dänische Getränkewagen an den jeweiligen Grenzen versiegelt werden.

14. Mai 1963

Feierliche Eröffnung

König Frederik IX. und Bundespräsident Heinrich Lübke eröffnen die Vogelfluglinie. Die Deutsche Bundespost gibt eine Sonderbriefmarke heraus.

1974–1978

TEE Merkur

Der einzige Trans-Europ-Express mit Fährüberfahrt verkehrt zwischen Stuttgart und Kopenhagen – ein einzigartiges Kapitel Eisenbahngeschichte.

23. Mai 1993

Premiere der „Gumminasen"

Die dänischen IC3-Triebzüge mit ihrem charakteristischen Gummiwulst fahren erstmals als EuroCity von Kopenhagen nach Hamburg.

1994

Höchststand Güterverkehr

Mit 190.757 trajektierten Güterwagen erreicht der Schienengüterverkehr seinen absoluten Höhepunkt auf der Vogelfluglinie.

1997

Ende des Güterverkehrs

Mit der Eröffnung der festen Verbindung über den Großen Belt wird der Güterzugverkehr über die Vogelfluglinie eingestellt.

14. Dezember 2019

Der letzte Zug

Um 20:02 Uhr rollt der EC 39 ein letztes Mal von der Fähre „Prinsesse Benedikte" auf dänischen Boden. Der Zugfährverkehr endet nach 56 Jahren.

Der 14. Dezember 2019 – Ein emotionaler Abschied

Der Samstag begann für viele Eisenbahnfreunde früh. Die „Freunde der Eisenbahn Hamburg" und zahlreiche weitere Enthusiasten hatten sich auf den Weg gemacht, um diesen historischen Moment festzuhalten. Am Hamburger Hauptbahnhof war bereits zu spüren, dass dieser Tag anders sein würde – bei den Zugdurchsagen wurde eigens darauf hingewiesen, dass dies der vorletzte Zug über die Vogelfluglinie sei.

„Mit lautem Horn rollte der EC 39 langsam an den Bahnsteig. Der am Bahnsteig wartende EC 32 antwortete mit seinem Typhon. Auf dem Bahnsteig winkende und Fähnchen schwenkende Leute. Das war schon feierlich! Ich glaube, in diesem Moment floss manch ein Tränchen."
— Augenzeugen-Bericht von der letzten Fahrt

Auf der Fähre „Prinsesse Benedikte" war der Sturm so heftig, dass das Schiff ordentlich schaukelte und nur ein einziges Sonnendeck geöffnet blieb. Doch das tat der Stimmung keinen Abbruch – viele stürmten sofort zur Cafeteria, um ein letztes Mal das typische Fischfilet mit Pommes und Remouladensoße zu essen, das über die Jahre zum kulinarischen Ritual der Vogelfluglinie geworden war.

😢

Abschied am Bahnsteig Puttgarden

Langjährige Kollegen und Kolleginnen lagen sich in den Armen. Deutsche und dänische Zugbegleiter, die seit Anfang der 2000er Jahre in gemischten Teams die komplette Strecke Hamburg–Kopenhagen betreut hatten, verabschiedeten sich voneinander. Der „IC3 Club" – jene eingeschworene, grenzüberschreitende Gemeinschaft – hatte sein Banner zum letzten Mal ausgerollt.

Ein besonderer Moment ereignete sich am Bahnsteig in Puttgarden: Entgegen dem normalen Fahrplan trafen sich die letzten beiden Züge – EC 32 und EC 39 – noch einmal hier, nicht im üblichen Kreuzungsbahnhof Großenbrode. Für die Fotografen ein unerwartetes Geschenk, für die Beteiligten ein symbolisches Bild: Zwei Züge, zwei Länder, eine gemeinsame Geschichte.

Der „IC3 Club" – Eine grenzüberschreitende Familie

Was viele Außenstehende nicht wissen: Auf der Vogelfluglinie hatte sich über die Jahrzehnte eine ganz besondere Gemeinschaft gebildet. Als Anfang der 2000er Jahre deutsch-dänische Teams im Zugbegleitdienst eingeführt wurden, die die komplette Strecke Hamburg–Kopenhagen betreuten und mindestens Deutsch, Dänisch und Englisch beherrschen mussten, entstand eine echte „Familie".

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Die „Familie Vogelfluglinie"

Zum „IC3 Club" gehörten nicht nur die Zugbegleiter, sondern auch die IC3-kundigen Lokführer (deren Anzahl überschaubar war), die Fahrdienstleiter der Fernsteuerzentrale Puttgarden und sogar die Zollbeamten, die regelmäßig in den Zügen mitfuhren. Bei Störungen oder Fahrplanabweichungen hielten sie engen Kontakt – man kannte sich, man vertraute sich, man war eine Einheit über alle Zersplitterungen hinweg.

Diese Gemeinschaft, die allen Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen der Bahnunternehmen trotzte, gibt es bis heute – auch wenn sie sich seit dem 14. Dezember 2019 nicht mehr im dienstlichen Rahmen treffen kann. Der „IC3 Club" bleibt ein leuchtendes Beispiel dafür, wie grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf der Arbeitsebene funktionieren kann.

Die „Gumminase" – Ein Charakterkopf auf Schienen

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DSB IC3 – Die „Gumminase"

Seit 1989 im Einsatz, wurde der dänische Triebzug mit seinem charakteristischen Gummiwulst an der Front zum unverwechselbaren Gesicht der Vogelfluglinie.

95 Fahrzeuge gebaut
180 km/h Höchstgeschwindigkeit
17 Einheiten für Deutschland

Die offiziell als DSB MF bezeichneten Triebzüge erhielten ihren Spitznamen „Gumminase" wegen des auffälligen schwarzen Gummiwulstes an beiden Enden. Dieser erfüllte einen praktischen Zweck: Beim Kuppeln mehrerer Einheiten konnte der Führerstand eingeklappt und ein zugluftdichter Übergang geschaffen werden – für bis zu fünf Einheiten im Zugverband.

Nur 17 der 95 gebauten IC3-Einheiten waren für den Einsatz in Deutschland ausgerüstet – mit dem deutschen Zugsicherungssystem PZB und speziell modifizierten Türen, die an deutschen Bahnsteigen nicht anstoßen. Diese „deutschen" Gumminasen wurden zu Stars auf der Vogelfluglinie.

Eisenbahn-Insider-Wissen

Die IC3-Züge waren für die Trajektierung optimiert: Sie konnten vollständig auf die Fähre rollen, ohne Rangierlokomotive. Passagiere mussten während der Überfahrt den Zug verlassen – für viele ein Highlight, denn so konnte man an Deck frische Seeluft schnappen, im Bordrestaurant essen oder im Duty-Free-Shop einkaufen.

Warum das Ende kam

Das Ende des Zugfährverkehrs hatte einen konkreten Anlass: Die Bauarbeiten für den Fehmarnbelt-Tunnel. Auf dänischer Seite wurde die Strecke für die Elektrifizierung und ETCS-Ausrüstung gesperrt. Die DB teilte am 11. Dezember 2019 mit: „Aufgrund zunehmender Bauarbeiten mit Schienenersatzverkehr in Dänemark werden die IC-Züge der Linie Hamburg–Kopenhagen für die nächsten Jahre über die Festlandroute via Padborg umgeleitet."

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+160 km Umweg über Jütland
⏱️
~4:40h Fahrzeit Hamburg–KBH
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3 Zugpaare täglich (neu)
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2029 Geplante Tunnel-Eröffnung

Doch hinter der offiziellen Begründung verbirgt sich eine längere Entwicklung: Bereits 1997 war der Güterverkehr eingestellt worden, als die feste Verbindung über den Großen Belt in Betrieb ging. Die EuroCity-Züge beschränkten sich zuletzt auf kurze Triebzüge, die wirtschaftlich kaum rentabel waren. Die ICE-TD der Deutschen Bahn, die von 2007 bis 2017 auf der Strecke verkehrten, erwiesen sich als störungsanfällig und wurden abgezogen.

Die Zukunft: Fehmarnbelt-Tunnel

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Voraussichtlich ab 2029 wieder auf der Vogelfluglinie

Der 18 Kilometer lange Fehmarnbelt-Tunnel wird der längste Absenktunnel der Welt. Mit einer elektrifizierten Eisenbahnstrecke und einer vierspurigen Autobahn soll er die Fahrzeit Hamburg–Kopenhagen drastisch verkürzen. Dann werden wieder Züge auf der Vogelfluglinie verkehren – allerdings unterirdisch statt über Wasser.

Für viele Eisenbahnromantiker war der 14. Dezember 2019 dennoch ein Verlust: Die Fährüberfahrt bot ein einzigartiges Reiseerlebnis, das es so nirgendwo anders gab. Der Moment, wenn der Zug auf das Schiff rollte, die 55 Minuten auf See, der Wind auf dem Außendeck – all das wird es in dieser Form nicht mehr geben.

Die Scandlines-Fähren verkehren selbstverständlich weiterhin – als reine Auto- und LKW-Fähren, mit moderner Hybridtechnik und alle 15–30 Minuten. Der Bahnsteig in Puttgarden aber liegt verwaist, und die Gleisanlagen in Rødbyhavn rosten vor sich hin – stille Zeugen einer vergangenen Epoche.

„Das Gefühl von Freiheit ist einfach unbeschreiblich. Den Wind in den Haaren und das Salz auf den Lippen zu spüren – man muss es einfach erlebt haben."
— Zeitzeuge über die Fährüberfahrt

Die Vogelfluglinie heute erleben

Auch ohne Zugfähre bleibt die Route Puttgarden–Rødby der schnellste Weg nach Dänemark. Scandlines' Hybrid-Fähren bringen Sie in nur 45 Minuten über den Fehmarnbelt – mit Bordrestaurant, Duty-Free und Meerblick.

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Für Eisenbahn-Nostalgiker

In Puttgarden können Sie noch heute die alte Bahnhofsanlage sehen – den Bahnsteig, von dem aus die Züge auf die Fähren rollten, die Fährbrücke und die charakteristische Architektur der 1960er Jahre. Ein Spaziergang durch die verwaisten Gleisanlagen ist wie eine Zeitreise in die goldene Ära der Eisenbahnfähren.