Was 2013 als mutiges Experiment begann, hat die maritime Schifffahrt revolutioniert: Scandlines betreibt heute die weltweit größte Hybrid-Fährflotte. Sechs der sieben Fähren der deutsch-dänischen Reederei fahren mit kombiniertem Diesel- und Elektroantrieb – ein Technologiesprung, der jährlich so viel CO₂ einspart wie 340 deutsche Haushalte verursachen.
Der Pionier auf hoher See: Prinsesse Benedikte macht den Anfang
Im Jahr 2013 wagte Scandlines einen Schritt, den viele Branchenexperten für zu riskant hielten: Die Umrüstung der MS Prinsesse Benedikte auf Hybridantrieb – mitten im laufenden Betrieb. Die 142 Meter lange Doppelendfähre, benannt nach der dänischen Prinzessin Benedikte, wurde zur Testplattform für eine Technologie, die es in dieser Größenordnung noch nie gegeben hatte.
Das Ergebnis überzeugte so sehr, dass Scandlines im Folgejahr 2014 alle drei Schwesterschiffe – MS Deutschland, MS Schleswig-Holstein und MS Prins Richard – ebenfalls auf Hybridantrieb umrüstete. Die Europäische Union unterstützte das Projekt mit Fördermitteln und erkannte damit die Zukunftsfähigkeit dieser maritimen Innovation an.
Die vier Hybrid-Fähren auf Puttgarden-Rødby
Alle vier Passagierfähren auf der Vogelfluglinie wurden 1997 auf der niederländischen Werft Van der Giessen-de Noord gebaut. Jede Fähre bietet Platz für 1.140 Passagiere und bis zu 364 PKW. Mit Abfahrten alle 30 Minuten sind sie 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag im Einsatz – eines der dichtesten Fährtaktungen weltweit.
So funktioniert die Hybrid-Technologie an Bord
Das Hybridsystem von Scandlines funktioniert ähnlich wie bei einem Hybrid-PKW, jedoch in deutlich größerem Maßstab. Die von Siemens entwickelte Leistungselektronik und Steuerungstechnik war zum Zeitpunkt der Einführung weltweit einzigartig. Die Batteriemodule stammen vom norwegischen Spezialisten Corvus Energy.
Der diesel-elektrische Antrieb jeder Fähre kombiniert fünf Dieselgeneratoren mit einem Batteriesystem von 2,7 MWh. Im Normalbetrieb laufen nur zwei bis drei Generatoren – sie arbeiten konstant im optimalen Lastbereich bei 85–90% Effizienz. Überschüssige Energie wird in den Batterien gespeichert, bei Bedarf (etwa beim Manövrieren im Hafen) wird diese Energie wieder abgerufen.
Technische Daten: Hybrid-Fähren Puttgarden-Rødby
Blackout-Sicherheit durch Batteriespeicher
Ein oft übersehener Vorteil des Hybridsystems: Bei einem Blackout der Dieselgeneratoren steht sofort Energie aus dem Batteriesystem zur Verfügung. Bei Tests auf Scandlines-Fähren wurde nicht einmal die Beleuchtung unterbrochen – während konventionelle Schiffe bis zu 30 Sekunden warten müssen, bis der Notdiesel anspringt.
Leisere Fähren für Schweinswale: Das Thruster-Projekt
Die grüne Revolution bei Scandlines geht weit über CO₂-Reduktion hinaus. Zwischen 2019 und 2022 investierte die Reederei mehr als 13 Millionen Euro in den Austausch aller 16 Antriebssysteme (Thruster) auf den vier Hybrid-Fähren der Vogelfluglinie.
Der Wechsel von den alten „Push-Thrustern" zu modernen Azipull 120 FP Pull-Thrustern von Kongsberg Maritime hat einen entscheidenden Unterschied: Bei den neuen Systemen sitzt der Propeller vorne statt hinten am Thruster. Das Wasser fließt dadurch homogener durch das System – mit zwei positiven Effekten:
Weniger Unterwasserlärm
Die neuen Thruster erzeugen deutlich weniger Unterwasserschall und Vibrationen. Das verbessert die Lebensbedingungen für die Schweinswale im Fehmarnbelt – die „Delfine der Ostsee" können von den Fähren aus beim Wellenreiten beobachtet werden.
Zusätzliche CO₂-Reduktion
Der homogenere Wasserfluss reduziert den Treibstoffverbrauch um weitere 10–15%. Gemeinsam mit dem NABU (Naturschutzbund Deutschland) hat Scandlines Messungen durchgeführt, um die Lärmreduktion wissenschaftlich zu dokumentieren.
Die nächste Generation: Plug-in-Hybrid ab 2026
Im Jahr 2024 startete Scandlines das bisher ambitionierteste Umrüstungsprojekt: Die Fähren MS Deutschland und MS Schleswig-Holstein werden zu echten Plug-in-Hybrid-Fähren umgebaut. Die Gesamtinvestition beträgt mehr als 31 Millionen Euro, wobei das Bundesministerium für Digitales und Verkehr im Rahmen des Förderprogramms NaMKü (Nachhaltige Modernisierung von Küstenschiffen) bis zu 40% der Kosten übernimmt.
Der entscheidende Unterschied zu den bisherigen Hybrid-Fähren: Die neuen 5 MWh-Batteriesysteme werden nicht nur während der Fahrt geladen, sondern können auch im Hafen mit erneuerbarer Energie aufgeladen werden. In nur 12 Minuten erreichen die Batterien mindestens 80% ihrer Kapazität – genug Energie für eine vollständige Überfahrt.
Schnellladeinfrastruktur in beiden Häfen
Scandlines hat in Puttgarden eine 30 kV / 15 MW Kabeltrasse mit Mittelspannungs-Schaltanlage und Ladestation installiert. In Rødby existiert bereits seit 2019 ein leistungsstarker 50 kV / 25 MW Stromanschluss. Ab Ende 2025 können beide Plug-in-Fähren in nur 12 Minuten geladen werden – und die 18,5 km zwischen Puttgarden und Rødby in 45 Minuten vollständig emissionsfrei zurücklegen.
MS Futura: Die erste emissionsfreie Fähre im Fehmarnbelt
Während die Umrüstung der Passagierfähren läuft, hat Scandlines parallel einen noch radikaleren Schritt gewagt: Der Bau einer komplett neuen, zu 100% elektrisch betriebenen Frachtfähre. Die MS Futura wird im Herbst 2025 ihren Dienst auf der Puttgarden-Rødby-Route aufnehmen – mit null direkten Emissionen während der Überfahrt.
Die auf der türkischen Cemre-Werft gebaute Fähre ist ein technisches Meisterwerk: Mit einem 10 MWh-Batteriesystem – dem bislang größten jemals auf einem Fährschiff installierten – kann sie die gesamte Überfahrt rein elektrisch bewältigen. Die Projektinvestition beläuft sich auf 80 Millionen Euro.
Technische Daten: MS Futura (ab 2025)
Meilensteine der grünen Revolution
Erste Hybrid-Umrüstung weltweit
MS Prinsesse Benedikte wird zur ersten Hybrid-Fähre auf der Route Puttgarden-Rødby umgerüstet – ein Pionierprojekt mit Siemens-Technologie.
Komplette Flotte auf Hybrid
Nach dem Erfolg werden alle drei Schwesterschiffe (Deutschland, Schleswig-Holstein, Prins Richard) umgerüstet. EU-Fördermittel unterstützen das Projekt.
Thruster-Austausch für Schweinswale
Alle 16 Thruster werden durch leise Pull-Thruster ersetzt (13 Mio. EUR). Weniger Unterwasserlärm schützt Schweinswale, zusätzlich 10–15% CO₂-Reduktion.
Rotorsegel auf Rostock-Gedser
Die Hybrid-Fähren Copenhagen und Berlin auf der Route Rostock-Gedser erhalten innovative Rotorsegel, die Windkraft nutzen.
Plug-in-Hybrid-Umrüstung
MS Deutschland und MS Schleswig-Holstein erhalten 5 MWh-Batterien und Schnellladeinfrastruktur (31 Mio. EUR). Ziel: Bis zu 80% CO₂-Reduktion.
MS Futura: Erste Zero-Emission-Fähre
Die neue Frachtfähre mit 10 MWh-Batteriesystem nimmt den Betrieb auf – 100% elektrisch, null direkte Emissionen (80 Mio. EUR Investition).
Ziel: Emissionsfreie Route
Die gesamte Puttgarden-Rødby-Route soll ohne direkte Emissionen betrieben werden. 60% Reduktion der Gesamt-CO₂-Emissionen gegenüber 2008.
Vision: Komplett emissionsfreies Unternehmen
Scandlines will als gesamtes Unternehmen null direkte Emissionen erreichen – ambitionierter als das COP28-Ziel für 2050.
Fazit: Mehr als nur Technologie – es geht um Verantwortung
„Es geht um mehr als nur Technologie – es geht um Verantwortung", fasst Michael Guldmann Petersen, COO von Scandlines, die Unternehmensphilosophie zusammen. Als Fährgesellschaft, die täglich in einem der sensibelsten Gewässer der Welt operiert, sieht sich Scandlines in einer besonderen Verpflichtung zum Schutz der Meeresumwelt.
Die Zahlen sprechen für sich: Seit 2013 hat Scandlines bis zu 400 Millionen Euro in grüne Technologien investiert. 15.000 Tonnen CO₂ werden jährlich allein auf der Vogelfluglinie eingespart – das entspricht den jährlichen Emissionen von 340 durchschnittlichen deutschen Haushalten. Und das ist erst der Anfang.
Für Reisende bedeutet das: Wer heute mit Scandlines über den Fehmarnbelt fährt, nutzt bereits eine der umweltfreundlichsten Fährverbindungen der Welt. Und mit jedem Jahr wird die grüne Revolution weiter voranschreiten – bis 2030 die gesamte Route emissionsfrei ist.
Kostenlos laden am BorderShop
Scandlines hat in Kooperation mit E.ON Ladestationen für Elektroautos an den BorderShops in Puttgarden und Rostock eingerichtet. Während Ihr Auto in 20–30 Minuten zu 80% geladen wird, können Sie im BorderShop einkaufen oder die Aussicht genießen – die Nutzung der Ladesäulen ist kostenlos!