Lolland · Geschichte

Museum Polakkasernen: Das vergessene Kapitel der Zuckerrüben-Polinnen

Von 1893 bis 1929 kamen jährlich Tausende polnische Frauen zur Zuckerrübenernte nach Lolland. Die letzte erhaltene Kaserne in Holeby erzählt von harter Arbeit, Sehnsucht und kulturellem Austausch.

5 Min. Lesezeit Von der Redaktion
🏚️

Ein vergessenes Kapitel europäischer Migrationsgeschichte: Zwischen 1893 und 1929 kamen jedes Jahr Tausende polnische Frauen – die sogenannten „Roepiger" – nach Lolland, um auf den Zuckerrübenfeldern zu arbeiten. Sie lebten in spartanischen Baracken, den „Polakkasernen". Die letzte erhaltene Kaserne in Holeby ist heute ein bewegendes Museum.

Die Geschichte der Roepiger

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Lolland einen Zuckerrübenboom. Die fruchtbaren Böden der Insel waren ideal für den Anbau, und Zuckerfabriken schossen aus dem Boden. Doch es fehlte an Arbeitskräften für die mühsame Ernte – eine Arbeit, die gebückt auf den Feldern verrichtet werden musste.

Die Lösung kam aus dem Osten: Aus den polnischen Gebieten des damaligen Russischen Reichs und Preußens wurden junge Frauen angeworben. Sie nannten sich selbst „Roepiger" – vom dänischen Wort „roe" für Rübe und „pige" für Mädchen.

Die Roepiger in Zahlen

1893Erste Anwerbung
~4.000Frauen jährlich
36Jahre Tradition
1929Letztes Jahr

Leben in den Kasernen

Die Frauen lebten während der Erntezeit von Mai bis November in einfachen Holzbaracken, die von den Gutsbesitzern errichtet wurden. Diese „Polakkasernen" boten nur das Nötigste: Schlafkojen, eine Gemeinschaftsküche und Waschgelegenheiten.

In der Kaserne von Holeby – der einzigen, die heute noch existiert – lebten bis zu 24 Frauen auf engstem Raum. Die Bedingungen waren spartanisch, aber die Gemeinschaft half über die Härten hinweg. Abends wurde gesungen, gebetet und Geschichten erzählt.

„Wir haben geweint, als wir ankamen, und wir haben geweint, als wir wieder fuhren. Aber dazwischen haben wir gelacht und gearbeitet."
— Aus den Erinnerungen einer Roepige
📜

Kultureller Austausch

Die Begegnung zwischen Polinnen und Dänen hinterließ Spuren in beiden Kulturen. Polnische Lieder und Rezepte fanden ihren Weg nach Lolland, während die Frauen dänische Worte und Bräuche mit nach Hause nahmen. Manche blieben für immer – etwa 300 Frauen heirateten dänische Männer und gründeten Familien auf Lolland.

Harte Arbeit auf den Feldern

Die Arbeit auf den Rübenfeldern war körperlich extrem fordernd. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiteten die Frauen gebückt auf den Feldern. Mit bloßen Händen oder einfachen Werkzeugen jäteten sie Unkraut, vereinzelten die Pflanzen und ernteten schließlich die schweren Rüben.

Mai–Juni

Vereinzeln

Die jungen Rübenpflanzen wurden ausgedünnt – eine mühsame Arbeit auf den Knien.

Juli–August

Hacken & Jäten

Unkraut wurde entfernt, der Boden gelockert. Die Sommerhitze machte die Arbeit besonders anstrengend.

September–November

Ernte

Die schweren Rüben wurden aus dem Boden gezogen, geköpft und auf Wagen geladen.

Trotz der harten Bedingungen kamen viele Frauen Jahr für Jahr zurück. Der Verdienst – etwa 200 Kronen pro Saison – war für damalige Verhältnisse beträchtlich und ermöglichte ihren Familien in Polen ein besseres Leben. Zum Vergleich: Ein Landarbeiter in Polen verdiente damals etwa 50 Kronen im Jahr.

Die soziale Dimension

Die Geschichte der Roepiger ist auch eine Geschichte von weiblicher Selbstständigkeit. Viele der jungen Frauen reisten zum ersten Mal allein, verdienten ihr eigenes Geld und erlebten eine völlig andere Kultur. Dies veränderte ihr Selbstbild und ihre Position in der Familie.

Die Arbeitsbedingungen waren allerdings oft problematisch. Die Frauen waren von den Gutsbesitzern abhängig, die Unterkünfte waren dürftig, und die medizinische Versorgung unzureichend. Krankheiten breiteten sich in den überfüllten Kasernen schnell aus. Reformbewegungen kämpften ab den 1910er Jahren für bessere Bedingungen.

👥

Die Nachkommen der Roepiger

Etwa 300 polnische Frauen blieben dauerhaft in Dänemark und heirateten dänische Männer. Ihre Nachkommen leben noch heute auf Lolland und Falster. Viele haben polnische Nachnamen, und manche Familien pflegen bis heute die Verbindung zu den Wurzeln in Polen. In einigen Dörfern auf Lolland finden sich noch heute Spuren dieser Einwanderung – in Familiennamen, Rezepten und Traditionen.

Das Museum heute

Die Polakkaserne in Holeby ist die letzte ihrer Art in Dänemark. Das schlichte Holzgebäude stand nach dem Ende der Saisonarbeit 1929 lange leer und verfiel. In den 1990er Jahren erkannten Lokalhistoriker seinen einzigartigen Wert als Zeugnis europäischer Migrationsgeschichte. 1998 wurde die Kaserne aufwendig restauriert und als Museum eröffnet.

Heute können Besucher durch die original erhaltenen Räume wandeln und sich in das Leben der Roepiger hineinversetzen. Die Schlafkojen, die Gemeinschaftsküche, die Waschgelegenheiten – alles wurde authentisch rekonstruiert. Persönliche Gegenstände, Fotos und Dokumente erzählen die Geschichten einzelner Frauen.

Was Sie im Museum sehen

  • Die Schlafräume: Originale Holzkojen, in denen jeweils zwei Frauen schliefen. Die Enge ist bedrückend – und macht die Bedingungen greifbar.
  • Die Küche: Der gemeinschaftliche Bereich, in dem die Frauen ihre eigenen Mahlzeiten zubereiteten. Hier wurde auch gesungen und erzählt.
  • Persönliche Gegenstände: Briefe, Fotos, Gebetbücher und kleine Mitbringsel aus Polen, die die Frauen mit nach Dänemark brachten.
  • Dokumentation: Historische Fotografien, Arbeitsverträge und Zeitungsartikel aus der Epoche.
  • Audiostation: Aufnahmen von Erinnerungen – teils von den letzten noch lebenden Roepiger, teils von deren Nachkommen.

Museum Polakkasernen

AdressePolakkasernestræde 1, 4960 Holeby
ÖffnungszeitenMai–Sept: Di–So 10–16 Uhr
Okt–April: nach Vereinbarung
EintrittErwachsene 50 DKK (~7 €)
Kinder unter 18: frei
FührungenNach Voranmeldung
Auch auf Deutsch möglich
ParkenKostenlos am Museum
💡

Insider-Tipps für Ihren Besuch

Sonderveranstaltungen: An Sonntagen im Sommer finden oft Veranstaltungen mit traditioneller polnischer Musik, Tanz und Speisen statt. Die Atmosphäre ist besonders authentisch.

Kombination: Das Museum liegt nur 8 km von Rødby entfernt – ideal für einen kurzen Abstecher direkt nach der Fährankunft.

Führungen: Für Gruppen lohnt sich eine Voranmeldung für eine Führung. Die Museumsführer kennen viele persönliche Geschichten, die nicht in der Ausstellung stehen.

Anreise von Fehmarn

Das Museum Polakkasernen in Holeby ist ein ideales Ziel für einen Tagesausflug von Fehmarn. Die kleine Stadt liegt nur wenige Kilometer von Rødby entfernt.

🚢

Fähre Puttgarden-Rødby

45 Minuten Überfahrt, Abfahrten alle 30 Minuten.

🚗

Von Rødby nach Holeby

Ca. 8 km nordwestlich. Fahrzeit etwa 10 Minuten.

⏱️

Gesamtzeit

Von Puttgarden zum Museum: Ca. 1 Stunde.

Geschichte hautnah erleben

Verbinden Sie Ihren Besuch im Museum Polakkasernen mit weiteren Highlights auf Lolland.

Fähre buchen

Häufige Fragen

Lolland erlebte Ende des 19. Jahrhunderts einen Zuckerrübenboom, aber es fehlten lokale Arbeitskräfte für die mühsame Feldarbeit. Polnische Frauen aus den armen Regionen des damaligen Russischen Reichs und Preußens wurden angeworben. Für sie war der Verdienst von etwa 200 Kronen pro Saison attraktiv – etwa viermal so viel wie ein polnischer Landarbeiter im ganzen Jahr verdiente.

Mehrere Faktoren kamen zusammen: Die Weltwirtschaftskrise machte den Zuckerrübenanbau weniger profitabel. Die Mechanisierung der Landwirtschaft reduzierte den Bedarf an Handarbeit. Zudem wurden die Arbeitsbedingungen zunehmend kritisiert, und Gewerkschaften setzten sich für bessere Behandlung der Saisonarbeiter ein.

Ja, besonders für Schulkinder ab etwa 10 Jahren ist das Museum interessant. Die originalen Räume und Alltagsgegenstände machen Geschichte greifbar – viel eindrucksvoller als jedes Lehrbuch. Der Eintritt für Kinder unter 18 ist frei. Für jüngere Kinder könnte das Thema allerdings zu abstrakt sein.

„Roepiger" setzt sich aus den dänischen Wörtern „roe" (Rübe) und „pige" (Mädchen) zusammen – also wörtlich „Rübenmädchen". Es war die liebevolle Selbstbezeichnung der polnischen Saisonarbeiterinnen und ist bis heute in der Region gebräuchlich.

Ja! Etwa 300 polnische Frauen blieben dauerhaft in Dänemark und heirateten dänische Männer. Ihre Nachkommen leben noch heute auf Lolland und Falster. Manche tragen noch polnische Nachnamen und pflegen die Verbindung zu den Wurzeln ihrer Vorfahrinnen. Bei den Sonderveranstaltungen im Museum treffen sich manchmal Nachkommen verschiedener Roepiger-Familien.